Interview

Mit Nicole von Boletzky sprach Maja Spaltenstein, Journalistin BR

Sie sind jetzt seit über 20 Jahre gestalterisch tätig. Welches waren für Sie die prägenden Entwicklungen?

Ich gehöre noch zu denen, die nach alter Väter Sitte einen handwerklich-gestalterischen Beruf erlernt haben und in der Zeit flügge geworden sind, in der das Design generell ein Stück weit neu definiert wurde. Das war spannend und mein heutiges Verständnis für die formal-gestalterische Entwicklungsgeschichte und damit für den Werdegang einzelner Werkformen entstammen sicherlich diesen Erfahrungen.

Hat somit ein kompletter Bruch mit bestehenden Wertmassstäben stattgefunden?

Nein, denn was ich als grösste Errungenschaft dieser Phase ansehe, ist die Einsicht, dass Bewährtes bewahrt werden kann, ohne dass Erneuerungen ausgeschlossen sind. Kurz - die Bandbreite des Möglichen ist enorm viel grösser geworden. Wir haben somit in den vergangenen zwei Jahrzehnten in hohem Masse an geistigem Kapital dazu gewonnen.

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Ich arbeite insbesondere für diejenigen, die Qualität suchen und sich vertieft mit den Inhalten eines Formgefüges auseinander setzen wollen. Oberflächliche und laute Sachen sind nicht mein Ding, unsere Zeit fordert andere Inhalte.

Auf welche Arbeitsgebiete beziehen Sie das?

Auf praktisch alle. Letztlich unterscheidet sich die Einstellung zu einer Raumsituation, einem Layout, einer Ausstellung oder einer losgelösten Formeinheit kaum. Am Anfang steht stets ein mehr oder wenig ungestalteter Rohling, den es nach einer eingehenden Situationsanalyse zu formen, strukturieren und mit Inhalten anzureichern gilt.

Neben Ihrer Tätigkeit im Design unterrichten Sie gestalterische Fachgebiete. Welche Botschaften möchten Sie mit auf den Weg geben?

Wir versuchen denkende Gestalter zu formen, die in der Lage sind, ihren Verstand in den Gestaltungsprozess einzubinden, um so über den eigenen Ausdruck wirklich verfügen zu können. Das ist nicht mit einer Einschränkung der Kreativität zu verwechseln. Formabsichten vor der Ausführung selber zu bewerten und sie so auf ihr Potential hin zu überprüfen, führt letztlich zu einer sehr hohen Erfolgsquote im Endresultat. Wissen zu definieren, zu zerlegen, um es in neuen Zusammenhängen wieder neu zu verknüpfen, ist eine enorm spannende Sache. Gestaltung ist letztlich kein Privileg einiger weniger, sondern weitgehend eine logisch lernbare Disziplin.

Auf den internationalen Bühnen haben Sie sich, trotz grossem Erfolg, in letzter Zeit eher rar gemacht. Weshalb?

Verschiedene Projekte verlangten eine vermehrte Präsenz im deutschsprachigen Raum und damit verbunden lag der Fokus auf der Entwicklung neuer Designs – oder besser - ganzheitlicher Ausstellungskonzepte, die auf den mitteleuropäischen Raum ausgerichtet sind. Und ich habe mir auch die Zeit zum Ausloten und Andenken neuer Kreationen genommen.

 

 

 

Ihr Repertoire ist immens gross. Ist das kein Problem? An was erkennt man eine Arbeit von Nicole von Boletzky?

Nicht so sehr an äusserlichen Merkmalen, eher in der Art der konsequenten Ausführung. Der Perfektion verpflichtet, suche ich darüber hinaus die Herausforderung des maximalen Ausreizens einer Farbe in Verbindung mit bestimmten Formgefügen. Meine Arbeiten, Ausstellungen und Bücher sollen spannende Entdeckungsreisen für den Betrachter sein. Man erwartet von mir auch ein breites Repertoire und das stört mich nicht im Geringsten. Es wäre mir vielmehr ein Greuel, mich der Erkennbarkeit wegen nur noch auf engstem gestalterischen Raum bewegen zu dürfen – soweit möchte ich mich nicht festlegen lassen.

Witzige Ideen, das ist doch Ihr Ding?

Ja, das ist eine meiner Lieblingsdisziplinen. Aber eben eine, eine von vielen. Ich möchte mich nicht nur auf diese Spielereien beschränken. Obwohl ich ganz gern den Kasper mit mir und ein paar meist ganz nahe liegenden Dingen mache – aber solches kann man nicht auf Abruf. Permanentes Rumulken würde irgendwann wohl auch an Reiz verlieren. Ab und zu gelingt so ein Wurf und alle freuen sich darüber.

Muss gute Gestaltung nicht auch originell und immer wieder neu sein?

Dieser Faktor wird aus meiner Sicht oft überbewertet, Gestaltung muss nicht immer hyperneu sein. Es ist bereits sehr viel erreicht, wenn sie einfach gut ist. Und mit einer gewissen Ehrlichkeit versetzt. Allzuoft steht nur der Faktor Originalität an erster Stelle und das Material wird zum Baustein degradiert. Solche Arbeiten mögen oberflächlich effektvoll sein, bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich schnell als beliebig. Entsprechend kurz ist die Lebenserwartung solcher substanzarmer Schöpfungen.

Wie ist Ihre Einstellung zu Traditionellem?

Einstein sagte einmal: «Die Tradition ermöglicht erst, um dann zu verhindern...» Ich verehre Überliefertes und betrachte Neuerung als absolute Notwendigkeit. Somit verbringe ich viel Zeit damit, genau diese Schnittstelle immer wieder neu auszuloten, um die Kompatibilität von Tradition und Innovation zu finden.

Welches sind Ihre persönlichen Lieblingsarbeiten?

Das sind all die, die in sich selbst aufgehen und trotz gestalterischem Gehalt authentisch und unverkrampft wirken.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Wenn ich das nur wüsste... Ideen sind wohl das Wertvollste und zugleich aber auch das Flüchtigste, was Denken erzeugen kann. Sie kommen meist unerwartet und verschwinden oft schon wieder, bevor man ihren Wert erkannt hat. Somit ist das Ideen haben stets gekoppelt mit der Fähigkeit, sie nicht entwischen zu lassen – eine spannende Sache.

 
Meine Arbeiten, Ausstellungen und Bücher sollen spannende Entdeckungsreisen für den Betrachter sein.
— Nicole von Boletzky